Wer nicht sehen kann, muss fühlen

Unbenannt-7

Heidrun ist blind und blickt im Alltag trotzdem voll durch. Denn sie arbeitet hart an einem selbstständigen Leben.

 

 

Text: Michael Raeke • Fotos: Michael Gernhuber

Kathrin wird sich nie dran gewöhnen. „Mach bitte das Licht aus, wenn du gehst“, sagt Heidrun zu ihrer Betreuerin. Neulich hat sie es wieder vergessen, also rief die Sozialpädagogin abends noch bei Heidrun an. „Du, ich hab’ wieder nicht dran gedacht.“ Heidrun schmunzelt, wenn sie die Geschichte erzählt. Sie ist dankbar für jeden Hinweis. Muss ja nicht dauernd brennen, das Licht.

Kochen, saubermachen, Wäsche waschen – Heidrun kann das blind. Heidrun macht das blind. Denn Heidrun ist blind. Sie erschließt sich ihre Welt fühlend und tastend. Manchmal hört sie das Licht surren, dann löscht sie es selbst. „Ich will so selbstständig wie möglich leben“, sagt sie.

Sie wohnt in ihrer eigenen kleinen Wohnung in Stuttgart. Eine Küchenzeile, ein Bett, ein Esstisch, der Schreibtisch, das Sofa; die Übergänge sind fließend. Das Spülmittel steht hinter dem Spülbecken, das Putzmittel fürs Waschbecken im Bad. Ordnung muss sein. Wehe aber, Gäste verlegen die Sachen. „Dann“, sagt Heidrun, „darf ich suchen gehen.“ Manchmal helfen die Nachbarn. „Die sehen das schneller als ich“, sagt sie. Sie sagt wirklich „sehen“ oder, ein andermal: „Ich kann immer mal was übersehen.“ 
Ich kann immer mal was übersehen.
Den Winter mag ich nicht, da sieht alles so gleich aus.
Alles, was Sehende als Kind durch Nachahmen lernen, lernt Heidrun in speziellen Kursen: Schuhe binden, die Uhr lesen, mit Messer und Gabel essen oder die Wohnung putzen. Die Kurse gehören zu einer Reihe von Maßnahmen, um Blinden den Alltag zu erleichtern. Angefangen bei der Brailleschrift, mit der Blinde seit 1825 lesen können, was die Weltblindenunion jährlich mit dem Welt-Braille-Tag würdigt, bis hin zum Vertrag von Marrakesch, der den barrierefreien Austausch von Literatur für Blinde regelt.

Heidrun nähert sich Gegenständen bedächtig, fast zärtlich. Egal ob dem Akkusauger, um die Spuren des nachmittäglichen Snacks zu beseitigen, oder dem Laptop, der über eine Braille-Zeile Text in gesprochene Sprache und Punktschrift überträgt.

Augen zu und durch

Die Schrift des Louis Braille

Manchmal kommt es beim Lesen auf Millimeter an. Und damit auch auf eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl. Die Brailleschrift, erfunden 1825 vom Franzosen Louis Braille, macht Zahlen, Buchstaben und Satzzeichen für Blinde und stark Sehbehinderte fühlbar.

Die Basis der Schrift bilden sechs Punkte, drei in der Höhe mal zwei in der Breite. Jedes Zeichen ist etwa 6 mm lang und 4 mm breit.

Die Punkthöhe sollte mindestens 0,4 mm betragen. 64 verschiedene Zeichen oder Darstellungen lassen sich damit erfühlen. Die hohe Kunst des Lesens ...

„Den Winter mag ich nicht, da sieht alles so gleich aus“, sagt Heidrun. Vor allem beraubt sie der Schnee wichtiger Orientierungspunkte, etwa der Aufmerksamkeitsfelder. Das sind in den Boden eingelassene Markierungen, erhabene Punkte, die zum Beispiel auf eine Bushaltestelle hinweisen. „Augen zu und durch“, hatte Kathrin dazu gesagt. Dasselbe gilt, unabhängig von der Jahreszeit, auch für die Begegnung mit leisen E-Autos. Da helfen Heidrun weder Gefühl noch ein gutes Gehör. Immerhin, darauf haben sich EU und Vereinte Nationen geeinigt, müssen neu zugelassene geräuscharme Fahrzeuge ab 2021 ein Warnsignal von sich geben.
Heidruns Traum von einem selbstständigen Leben rückt also wieder ein Stück näher.